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3. Bodenordnung im Brennpunkt - Lektionen der
Vergangenheit, Chancen für die Zukunft
3.9 Entstaatlichung
3.9.4 Wirkungen und Probleme von Privatisierungs-
und Entstaatlichungsprogrammen
Strategien
beteiligter Akteure |
Einflussreichen Interessengruppen
sind die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen einer Neuformierung der
Bodenordnung bewusst. Deshalb verfolgt eine Vielzahl von Akteuren den
Privatisierungsprozess sehr bewusst und versucht, ihn zu ihren Gunsten zu beeinflussen.
Denn die Verteilung von Bodenrechten ist natürlich sehr eng verknüpft mit der
Machtverteilung in einer Entwicklungsgesellschaft. Ökonomische Macht schlägt sich in der
Verhandlungsmacht nieder, z. B. über Konzessionen im Waldbau, Pachtbedingungen für Ackerland oder die Übereignung ehemaliger Staatsbetriebe etc..
Dabei kann es zu dauerhaften Blockaden des Transformationsprozesses
durch Koalitionen der "alten" Kräfte kommen und zu
"rent-seeking"-Strategien von Personen in Schlüsselpositionen.
Länderspezifische Erfahrungen müssen deshalb sehr unterschiedlich ausfallen. Die im
folgenden für Laos identifizierten Akteure finden sich, mit unterschiedlicher Gewichtung,
auch in vielen anderen Ländern. |

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Lücken und
Inkonsistenzen in der Gesetzgebung |
Der Anspruch, nationalstaatliches
Bodenrecht und autochthones Recht sinnvoll miteinander zu kombinieren und beiden Raum zu
geben, ist nur schwer realisierbar. Deutlich
wird das Problem bei der Landregistrierung. Auf der einen
Seite wird ein nationales Grundbuchsystem mit sehr hohen
Kosten eingerichtet, auf der anderen Seite wird parallel mit informellen
Landregistrierungsprogrammen auf partizipativer Basis im ländlichen Umfeld begonnen
(Benin oder Laos). Da beides durch unterschiedliche Ministerien erfolgt, sind die
Maßnahmen wenig aufeinander abgestimmt. Ob in naher Zukunft bei voranschreitender Urbanisierung der Dörfer das informelle in das formale
System überführt werden kann, ob die Standards kompatibel sind, wird - da von
unterschiedlichen Gebern finanziert - oftmals außer acht gelassen. |
Widersprüche
in der Gesetzgebung |
Viele Staaten haben bislang nur
unzureichend sichergestellt, dass neue Gesetze und fortbestehende Dekrete sich nicht
widersprechen, wenn, wie in Usbekistan, das neue Gesetz Privateigentum nicht vorsieht,
gültige Dekrete auf der Provinzebene es jedoch zulassen. Die Liste derartiger
Unklarheiten und Inkonsistenzen ist endlos. |
Lasten/
Verpflichtungen |
Versäumt wurde in vielen Ländern
generell, nicht nur Verfügungsrechte festzuschreiben, sondern die damit verbundene
Verantwortung und Verpflichtung herauszustellen. Dies umfasst Lasten
zur Wertsicherung des Bodens (Meliorationen, Wegebau), Hoheitsrechte des Staates
(Überflugrechte, Stromleitungen, etc.) oder anderer gesellschaftlicher Gruppen
(Wegerechte, Wanderrouten für mobile Tierhalter), die nur unzureichend berücksichtigt
wurden. Hierin ist vielfältiger zukünftiger Konfliktstoff enthalten. |
"Komiteeflut" |
Neben diesen Problemen der
Alltagspraxis erweisen sich viele gutgemeinte Neuerungen als zu komplex, um implementiert
werden zu können: Mit einer neuen, partizipativen Bodengesetzgebung wächst die Zahl von
Komitees und Gremien, die die Landverteilung und die Konfliktlösung auf lokaler Ebene
betreiben. Sind diese komplementär zu bestehenden Organisationen aufzubauen, handelt es
sich lediglich um neue Bezeichnungen bekannter Strukturen, um "alten Wein in neuen
Schläuchen". Ist die geforderte Zusammensetzung praktikabel, sind Widerstände bei
der lokalen Bevölkerung zu überwinden? Dies sind nur ausgewählte Problemfelder, die es
jeweils neu zu lösen gilt. |

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Dezentralisierung
und Subsidiarität |
In vielen Ländern ist das Wissen
um die reformierte Gesetzgebung und die Anforderungen, die auf Bürgermeister, Dorfchefs
und lokale Beamte (wieder) zukommen, noch gering. Denn Dezentralisierung
wird als Gnadenakt "von oben" erlebt, der oftmals nicht erkämpft werden musste.
Dabei kommt es zu einer Stärkung der lokalen Machtzentren. In Usbekistan sind die Träger
dieser Macht die Bürgermeister und die ehemaligen Führer der Kolchosen. In Laos sind es
die gewählten Dorfchefs, die ihre Legitimation zumeist bereits aus der sozialistischen
Ära beziehen und nahtlos weiterarbeiten können. In Benin ging die Reform einher mit der
neuerlichen Stärkung der Position der traditionellen Chefs und Könige, als Treuhänder
des autochthonen Rechts. Seniorität und
"alte Autoritäten" gewinnen so zusätzliche Macht. Ob dabei die Rückkoppelung
nach "oben" und die Kontrolle durch "oben" gesichert ist, muss
angesichts schlechter Kommunikation und leerer staatlicher Kassen bezweifelt werden. |
Gewinner-Verlierer |
Generalisierungen sind nicht
möglich; jedoch ist die Präsenz der Betroffenen im politischen Verhandlungsprozess einer
neuen Bodenordnung eine Grundbedingung, um Ansprüche auch geltend zu machen. |
Frauen |
Formal werden die Ansprüche von Frauen auf das ihnen zustehende Land durch eine
reformierte Gesetzgebung eher gestärkt. Die Mehrheit von ihnen wird aber in ihrem Leben
möglicherweise niemals erfahren, dass diese Gesetze existieren, da Männer wenig
Interesse an ihrer Verbreitung haben und Frauen in vielen Ländern an eigener Fortbildung
und Mobilität gehindert werden. Damit sind zwar die Rahmenbedingungen geschaffen, Frauen
gleiche Rechte auf Land zuzusprechen, bis zur Umsetzung in den Dörfern ist noch harte
Aufklärungsarbeit und eigene Interessenpolitik von Frauen erforderlich. |
"Alte"
Eliten |
Ehemalige Eliten, die durch
Landreformen enteignet wurden, gehören zu den Gewinnern der Entstaatlichung,
auch wenn sie ihr Land nicht immer in vollen Umfang zurückerstattet bekommen. Dies zeigt
sich an zurückkehrenden Familien in Laos, Kambodscha, aber auch in Mozambique. Auch
traditionelle Eliten, wie die Chiefs in afrikanischen Ländern, gehören zu den Gewinnern
(siehe oben). In den NUS-Ländern sind die ehemaligen Vorsteher der Kolchosen
dazuzurechnen: Sie konnten sich persönlich Land sichern, kaufen Anteile ausscheidender
Mitglieder auf und üben weiterhin einen großen Einfluss auf die Landverteilung aus. |
städtische
Gruppen |
Städtisch geprägte Unternehmer
und hohe Beamte haben den Privatisierungsprozess genutzt, um sich Land zu sichern, da sie
einen erheblichen Informationsvorsprung hinsichtlich der Interpretation der Gesetze und
vielfach ausreichend Geldmittel besitzen. Teilweise nutzen sie das Land produktiv,
teilweise dient es als Alterssicherung und Spekulationsobjekt. In Mozambique erwarben
Spekulanten wenigstens 20 Mio. Hektar Land als Konzession zur landwirtschaftlichen Nutzung
zwischen 1992 und 1994. |
Kleinbauern und
Kleinbäuerinnen |
Marktwirtschaftlich orientierte
Reformen unterliegen der Gefahr, dass Kleinbauern dabei kaum Zugang zu qualitativ
hochwertigem Land bekommen, da sie nicht in der Lage sind, dieses Land durch Eigenkapital
zu erwerben. Es bestehen umgekehrt wenig Förderprogramme, um Kredite hierfür zu
erhalten, die notwendigen Informationen über das "Kauf-Prozedere" fehlen ihnen.
Die Gefahr wächst, dass sie von dynamischeren Gruppen übervorteilt werden oder aber ihr
Land nachträglich wieder verlieren, wenn sie Kredite nicht zurückzahlen können. |
Ackerbauern
versus Pastoralisten |
Zwar haben Pastoralisten
mittlerweile in vielen Ländern eine stärkere Lobby zur Vertretung ihrer Interessen als
in der Vergangenheit, strukturell bleiben sie jedoch weiter benachteiligt: Sind sie noch
mobil, so sind sie in Komitees zwar möglicherweise vertreten, diese Komitees sind aber
immer dann für sie nicht zuständig, wenn es sich um regionenübergreifende Konflikte
handelt (Wanderkorridore, Zugang zu Wasserstellen auf der Wanderung). Ein "Code
Pastoral" wurde erst in sehr wenigen Ländern erarbeitet, der gezielt auf ihre
überregionalen Bedürfnisse ausgerichtet ist. |
     
     
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