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3. Bodenordnung im Brennpunkt - Lektionen der
Vergangenheit, Chancen für die Zukunft
3.2 Dimensionen der Bodenverknappung im
Entwicklungsprozess
3.2.3 Spontane Landnahme: Selbsthilfe oder
bedrohung staatlicher Autorität?
Ursachen
spontaner
Landnahme |
Die illegale Okkupation
öffentlicher und privater Ländereien und damit der informelle Aufbau
landwirtschaftlicher Betriebe ist vor allem in Lateinamerika ein weit verbreitetes
Phänomen (Mertins 1996). Gründe sind:
- Kündigung von Kleinpacht- und Arbeitsverträgen,
- durch Realteilung dezimierte Betriebsflächen,
- unzureichendes und vor allem unsicheres Einkommen als
Tagelöhner,
- Rückwanderung unzufriedener ehemaliger Land-Stadt-Migranten.
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Landnahme an
der Agrarkolonistenfront |
Die Landnahme (squatting) tritt zum
einen an der Agrarkolonisten- oder Pionierfront auf, zum anderen erfolgt sie auf Teilen
von nicht- oder nur extensiv genutzten Groß- und Mittelbetrieben. An der Pionierfront
handelt es sich sowohl um die spontane als auch um die staatlich "gelenkte"
Agrarkolonisation mit der Besetzung von öffentlichem Bodeneigentum, das gerodet und
zunächst im Wanderfeldbau bewirtschaftet wird. Die Förderung der Squatter-Betriebe
geschieht -gewollt oder ungewollt- durch große Strassenbauprojekte (brasilianisches
Amaozonien) und den Ausweis staatlicher Agrarkolonisationszentren mit einer minimalen
öffentlichen Basisinfrastruktur (Schulen, Gesundheitsdienste). |
Besetzung
privater
Ländereien |
Die Besetzung privater Ländereien
(land invasion) in agrarpolitischen und agrarsozialen Krisengebieten wird meist
organisiert durch eine größere, in der Nähe lebenden Gruppe durchgeführt, um dem
enormen Nachfragedruck der unteren agrarsozialen Schichten nach eigenem Land bzw. nach
mehr Land nachzukommen. |
Tolerierung von
"Squatting" auf
öffentlichem Land |
Die Besetzung öffentlichen
Bodeneigentums wird fast immer toleriert. Die Squatter "ersitzen" sich damit
gewißermaßen einen Anspruch auf die von ihnen bewirtschaftete Fläche nach dem Motto:
Land soll dem- oder derjenigen gehören, der/die es auch bewirtschaftet. Die Tolerierung
muss auch im Zusammenhang mit der Strategie "Agrarkolonisation statt
Agrarreform" in Brasilien, Ecuador oder Kolumbien gesehen werden. Denn das
vermeintliche "Land ohne Menschen" hat auch noch heute für "Menschen ohne
Land" eine Ventilfunktion zur Ablenkung von akuten sozialen Spannungen und den daraus
resultierenden Landkonflikten in den dicht besiedelten Agrarräumen. |
Verdrängung von Squattern auf
Privatland |
Hingegen kann die illegale Okkupation von Privatländereien
den Einsatz von Polizei und/oder Militär zwecks nicht immer gewaltloser Verdrängung der
Besetzer zur Folge haben. Sie werden meist binnen einer bestimmten Zeitspanne nach der
Besetzung (zwischen 30 und 120 Tagen schwankend) zur Räumung des Geländes aufgefordert.
Diese erfolgt aber erst gegen Zahlung der vorgenommenen Meliorationen auf dem Land durch
den Eigentümer (z.B. errichtete Gebäude, Zäune, Dauerkulturen). |
Kernproblem von
Squattern |
Das Hauproblem für die Squatter stellt damit die fehlende Rechtssicherheit
dar, also der fehlende, erst durch die Eintragung in das Grundbuch
zu erwerbende Landtitel, der auch den Zugang zu billigen öffentlichen Kreditprogrammen
und zum formellen Bodenmarkt ermöglicht (vgl. 3.10.2.).
Für alle Länder Lateinamerikas ist die Schaffung eines formalen Bodenrechts eines der
Kernprobleme im Agrarsektor, um hier Rechtssicherheit zu schaffen sowie Investitionen und
Modernisierungsmaßnahmen durchzusetzen. |
Legalisierung
von Squatter-Betrieben |
Die Legalisierung der Betriebe ist
bislang in allen lateinamerikanischen Ländern nur unzureichend erfolgt, obschon gerade
die Landtitelvergabe an Besetzer auf Staatsland die zahlenmässig umfangreichste
Agrarreformmaßnahme darstellte. Jedoch ist es ausserhalb von speziellen Programmen zur
Landtitelvergabe an Squatter gerade für eine der Unterschicht angehörende Person
bürokratisch recht umständlich und teuer, einen Rechtstitel für besetztes Staatsland zu
erhalten. Angesichts der Wichtigkeit der bodenrechtlichen Absicherung wird es daher für
die EZ erforderlich sein, nicht nur die bodenrechtliche Ist-Situation zu identifizieren,
sondern auch gezielt juristische Unterstützung bei der Feststellung besitzrechtlicher
Ansprüche und bei der Beantragung der Landtitel zu gewähren. |
Spontane
Landnahme im randstädtischen Raum |
Millionen von Menschen verlassen
die ländlichen Regionen und migrieren auf der Suche nach Arbeit und Einkommen in die
Städte. Für die meisten bleibt jedoch nur ein Leben an ihrem Rande, ohne Aussicht auf
eine angemessene Unterkunft und auf eine sichere Beschäftigung in formellen Sektoren.
Für die spontanen Siedlungen in Stadtnähe werden teils landwirtschaftliche Flächen
besetzt, auf denen häufig über Nacht Hütten errichtet werden. In Grenzen gelingt es den
Menschen hier -trotz großer Rechtsunsicherheit, durch Selbsthilfe eine Basisinfrastruktur
zu errichten und Siedlungsstrukturen aufzubauen. |
Tabelle 2: Anteil der Stadtbevölkerung in
informellen Siedlungen
Stadt |
Bevölkerung
1980
(in 1.000) |
Geschätze
Bevölkerung in informellen Siedlungen
(in 1.000) |
Anteil in
Prozent |
| Addis Ababa |
1668 |
1418 |
85 |
| Bogota |
5493 |
3241 |
59 |
| Ankara |
2164 |
1104 |
51 |
| Lusaka |
791 |
396 |
50 |
| Manila |
5664 |
2266 |
40 |
| Mexiko |
15032 |
6013 |
40 |
| Karachi |
5005 |
1852 |
37 |
| Nairobi |
1275 |
421 |
33 |
| Lima |
4682 |
1545 |
33 |
| Sao Paolo |
13541 |
4333 |
32 |
(UNCHS,
1984) |
Neue Konflikte
und Lösungsansätze |
Nicht nur in Lateinamerika, sondern
auch an den Stadträndern der Metropolen Afrikas und Asien werden die illegalen Siedler
jedoch in regelmässigen Abstanden durch spektakuläre Räumungsmaßnahmen mit
Bulldozer-Einsatz und teils mit Gewalt wieder vertrieben. In Lateinamerika werden aber
auch bereits Konzepte umgesetzt, die Legalisierung von spontanen Siedlungen im
randstädtischen Bereich durch einfache Registrierungssysteme voranzutreiben (Lastarria/Barnes 1995). |
Squatting als
Beruf |
In Guatemala, Kolumbien, Brasilien
und mittlerweile auch in Peru und Bolivien wächst die Zahl der Personen, die die Rodung
von Urwaldflächen als lukratives "Geschäft" betreiben. Die Landnahme erfolgt
durch Roden des Waldes, wodurch die Parzelle als Besitz deklariert wird. In Brasilien wird
der Kolonist dann nach einer Nutzungsfrist von einem Jahr zum Eigentümer dieses Landes
erklärt, soweit keine anderen staatlichen oder privaten Rechtsansprüche nachgewiesen
werden. Damit wird die unter Umständen mehrfach traditionell-ackerbaulich genutzte
Fläche zum Spekulationsobjekt und wird zum gegebenen Zeitpunkt gewinnbringend an
nachrückende Mittel- und Großbetriebe veräussert. "Squatting als Beruf"
trägt so erheblich zum schnellen Fortschreiten der Pionierfront bei. Der individuelle
Gewinn steht in keinem Verhältnis zur nachfolgenden Bodendegradation. (Vergleichbare
Prozesse laufen auch im randstädtischen Bereich ab!). |
Konflikte mit
indigenen Gruppen |
Hinzu kommen Konflikte mit
indigenen Gruppen, die auch durch diese Methode
aus ihren angestammten oder zugewiesenen Lebens- und Wirtschaftsräumen verdrängt werden.
Der Schutz des Überlebens der indigenen Gruppen (z.B. durch Reservatspolitik) gilt oft
nur solange, als er nicht in Konflikt mit den Wirtschaftsinteressen der Squatter gerät. |
     
     
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