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2 Globale Bedeutung der Bodenfrage, Leitbilder und
Eigentumssysteme
2.3 Eigentumssysteme an Boden: eine sozio-ökonomische
Analyse
2.3.4 Bodenrecht im umfassenderen Konzept von
Ressourcenrechten
Interdependenz
der Nutzung von Ressourcen und der Rechte daran |
Bevölkerungsdruck,
Kommerzialisierung der Landwirt-schaft und viele andere bereits analysierte Faktoren haben
nicht nur die Nachfrage nach Ackerland, sondern zugleich auch
immer nach Weiden, Bäumen und Wasser erhöht. Die Menschen im ländlichen Raum agieren
dabei nicht allein als Ackerbauern im Regen- oder Bewässerungsfeldbau, als Pastoralisten,
Sammler oder Flussfischer, sondern nutzen eine Vielzahl von natürlichen Ressourcen
gemeinsam und üben primäre und sekundäre Rechte
daran aus. In städtischen Ballungsräumen nehmen multiple Nutzungsmuster zu (Bauland,
städtische Landwirtschaft und Gartenbau, Bauholz, Wasser für private Haushaltungen und
Industrie, etc.). |
Wechselwir-kungen
bei Übernutzung |
Als Folge von Übernutzung aller
Ressourcen kommt es zur Degradation nicht allein der Ackerflächen, sondern auch der
Qualität von Weiden, der beschleunigten Ausbeutung von Wasserressourcen zur Bewässerung,
für Haushalt und Industrie oder zur Überfischung. Die Verknappung von Ackerland kann
dabei durch Ausdehnung der Felder in Weide- und Forstgebiete verlangsamt werden, mit
weitreichenden ressourcenrechtlichen Auswirkungen auch dort. Dies gefährdet in der Folge
nicht nur die nachhaltige Entwicklung ackerbaulicher, sondern auch von weide- und
forstwirtschaftlichen Systemen sowie Wassereinzugsgebieten
und der Fischerei, was beispielhaft im Niger-Delta in Mali nachzuweisen ist. |
Von Bodenrecht
zu Ressourcenrecht? |
Bodenrecht muss damit immer im
Kontext aller wirtschaftlich genutzten und potentiell nutzbaren natürlichen Ressourcen
eines Raums behandelt werden. So umfasst der Begriff des Bodenrechts z.B. in
französischen Konzeptionen sowohl (Acker-)land als auch all jene natürlichen Ressourcen,
die unmittelbar damit im Zusammenhang stehen, wie Bäume, Weiden, Wasserstellen, Wälder und Flussläufe einschließlich der Tierwelt (Hesseling/Ba 1994). Es schließt also auch Rechte an
Wasser ein, sofern sie für die Tierhaltung und den Ackerbau relevant sind. Aufgrund der
Zusammenhänge wäre es auch im Deutschen gerechtfertigt mit "Ressourcenrecht"
und "Ressourcenrechtssystemen" zu operieren, so wie sich im Englischen bereit
"resource tenure" oder "resource regime" einbürgert (Bromley/Cernea 1989). Eine derartige Begriffsbildung
würde auch die Bedeutung holistischer Betrachtung und interdisziplinärer
Herangehensweisen in diesem Arbeitsfeld unterstreichen. |
Beschränkungen
im Orientierungs-rahmen |
Der Orientierungsrahmen betrachetet
deshalb Bodenrecht und Bodenordnung immer auch in ihren Interdependenzen mit anderen
institutionellen Regeln zur Nutzung weiterer natürlicher Ressourcen. Er kann dabei jedoch
Wasser-, Weide- und Baum- bzw. Forstrechte und damit
verbundene Politiken nicht in der gleichen Breite behandeln wie in bezug auf
"Land" in seiner unmitelbaren Nutzung. Im folgenden werden deshalb nur
ausgewählte Problemfelder -ohne Anspruch auf Vollständigkeit und regionaler Gewichtung-
hinsichtlich weiterer Ressourcen angerissen, weiterführende Literaturhinweise erlauben
eine Vertiefung. |
Weiderechte:
das Missverständnis der "Tragedy of the Commons" |
Nur wenige agrarische
institutionelle Arrangements wurden in der jüngeren Vergangenheit so intensiv analysiert
wie Weiderechte. Dies erklärt sich aus dem gewachsenen
Interesse an den Stabilitätsbedingungen von Gemeinschaftseigentum und an den Grundlagen
kollektiven Handelns zu seiner Verwaltung und Erhalt. Auslöser waren die
Degradationsprozesse von Weiden, die zunächst fälschlicherweise einseitig als typisches
"soziales Dilemma", als "Tragedy of the Commons" (Hardin 1968) interpretiert wurden: Wenn die Herden sich im Privateigentum mobiler Tierhalter befinden und Weideland physisch und rechtlich für mehr als einen Nutzer
zugänglich ist, dann beginnt ein Wettlauf aller Nutzer um einen immer größeren Anteil
an Weidegräsern, der im individuell rationalen Maximierungsstreben der Tierhalter
begründet ist, aber zu deren Nachteil und zum Nachteil der gesamten Gesellschaft ist.
Diese Sichtweise, die politisch als Begründung für Verstaatlichung
oder Privatisierung von Weideland große
Bedeutung erlangte, wurde heftig kritisiert, ja widerlegt, da sie gruppeninterne Regeln
zur Beschränkung bei der Ressourcennutzung und deren Kontrolle sowie Abgrenzung der
Tierhaltergruppen nach aussen zu wenig in Rechnung stellte. |
Differenziertere
Sichtweisen |
Mittlerweile wird anerkannt, dass
die Gefährdung gemeinschaftlicher Weiderechte vor allem das Ergebnis des Zerfalls
indigener gemeinschaftlicher Institutionen
zur Regulierung ihrer Nutzung als direkte Folge von Verstaatlichung der Flächen und
Öffnung für alle interessierten Nutzer oder als Ergebnis erfolgloser
Privatisierungsversuche. (Baland & Platteau 1996, Hartje 1993, Kirk 1997, Lane &
Moorehead 1995, Swallow & Bromley 1995). |
Schlüsselressourcen
mit komplementärem Charakter |
Unbestritten ist zudem, dass Erhalt
oder Zerfall der Leistungsfähigkeit und Qualität gemeinschaftlichen Weidelandes entscheidend
durch die Rechte an Schlüsselressourcen mit komplementärem Charakter, wie Wasserstellen,
Brunnen oder Wadiland beeinflusst wird. Das Recht, neue Brunnen zu bohren und deren Wasser
interessierten Nutzern zuzuteilen, erschließt neue Weidepotentiale im Umland, die zuvor
möglicherweise als Reserveflächen zurückgehalten wurden, beschleunigt den Zuzug
weiterer Herden und deren Übernutzung bei periodisch auftretenden Dürren. |

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Rechte an Bäumen und
Forsten |
Bevölkerungsdruck, Marktzugang und
bodenrechtliche Veränderungen bei Ackerland wirken sich
grundlegend auf den Wandel bei Rechten an Bäumen und Forsten aus. Der
Bevölkerungszuwachs hat die Umwandlung von Wäldern in Weiden
und Ackerflächen vorangetrieben. Die Vestaatlichung oder Privatisierung des Waldes und
das Ausserkraftsetzen gemeinschaftlicher Ressourcenrechts-systeme hatte unterschiedliche
Wirkungen: |
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Private Investoren, Staatsbeamte und Militär
nutzten zum einen besonders in Asien und Lateinamerika die Vergabe von
Einschlagkonzessionen zur nicht-nachhaltigen Ausbeutung vieler Flächen. In Afrika führte
die künstliche Trennung des Patrimoniums der autochthonen Nutzer in Forst-, Weide- und
Ackerbaurechte bei gleichzeitiger Unfähigkeit des Staates zu einer eigenständigen
kontrollierten und nachhaltigen Bewirtschaftung zur schleichenden, aber gravierenden
Zerstörung der Walbestände mit alltäglichen Konflikten, teils mit Gewalt (Deacon 1994,
Elbow & Rochegude 190, Place & Otsuka 1997). |
Wasserrechte |
Durch die Jahrtausende langen Erfahrungen mit
Bewässerungssystemen in "hydraulischen Gesellschaften" liegen besonders in
Asien reiche Erfahrungen zur Gestaltung von Wasserrechten
und zur gemeinschaftlichen Organisation der Wassernutzung
vor. In vielen Ländern hat der Staat durch neue Gesetze nach der Unabhängigkeit und
große Bewässerungsprojekte (z.B. Gezira im Sudan) eine dominierende Rolle bei der
Wasserallokation eingenommen, die zunehmend in frage gestellt wird. Denn sie ist führte
selten zur effizienten Verteilung, Nutzung und Verwaltung von Wasserresourcen. Deshalb werden unterschiedlichste Ansätze verfolgt, die Verantwortung auf
Wassernutzer-Assoziationen zu verlagern. Wird dabei jedoch lediglich dem Wasser-Management
Aufmerksamkeit geschenkt und nicht auch der Umverteilung von Verfügungsrechten, so ist
der langfristige Erfolg gering einzuschätzen. Denn auch in diesem Fall erlaubt erst die
Übertragung der Verfügungsrechte de facto und de jure Planungssicherheit,
Entscheidungsfreiheit und Investitionsbereitschaft (Meinzen-Dick
& Sullins 1994, Ostrom & Gardner 1993). |
     
     
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