Guiding Principles:
Land Tenure in Development Cooperation

gtz_s.gif (1630 Byte)

Orientierungsrahmen:
Bodenrecht und Bodenordnung

Deutsche Gesellschaft
für Technische Zusammenarbeit
Abt. 45 / Div. 45

 

summary.gif (2277 Byte)english.gif (2251 Byte)gloss.gif (2270 Byte)index.gif (2215 Byte)
home.gif (3805 Byte)

2. Globale Bedeutung der Bodenfrage, Leitbilder und Eigentumssysteme

2.1 Wachsende Brisanz und globale Bedeutung der Bodenfrage

2.1.2 Regionale Brennpunkte

Überlagert werden diese sich weltweit abzeichnenden Trends durch akute regionalspezifische Brennpunkte.

Lateinamerika

Die heutige Agrarstruktur und Bodenordnung in den "altbesiedelten" Regionen Lateinamerikas sind Folge des in der Kolonialzeit angelegten Gegensatzes zwischen Großgrundbesitz (Latifundium) auf der einen und Kleinbesitz (Minifundium) auf der anderen Seite (Thiesenhusen 1995). Ausserdem gibt es Besitzformen, die mit dem Einsetzen der neueren Agrarkolonisation an der Wende zum 20. Jahrhundert, verstärkt seit den 50er Jahren, vor allem in den feuchtheißen Tiefländern entstanden sind. Punktuell ist zunehmend ein Übergang von "commercial farmers" zu moderner Landbewirtschaftung festzustellen. Hierdurch kommt es zwar zu Produktionssteigerungen; deren wirtschaftliche Dynamik bringt kaum eine Verbesserung der sozialen Probleme mit sich.

Trotz der Migration in die Städte wächst der Bevölkerungsdruck in vielen ländlichen Regionen. Verschärfend kommt die Realteilung hinzu, die sich auf Minifundien verheerend auswirkt. Die zum Teil staatlich geförderte Migration in die noch verfügbaren Landreserven der Dornbuschsavannen sowie des tropischen Regenwaldes kann dabei die entstehenden sozialen Spannungen allenfalls abpuffern und verzögern. Denn neben staatlich geförderten Siedlungsprogrammen nimmt die spontane, ungesteuerte Migration stark zu. Die illegale Besitznahme (squatting) konzentriert sich nicht nur auf staatliche Flächen oder auf das Gemeinschaftseigentum indigener Gruppen im feuchtheissen Tiefland; seit den 50er Jahren nehmen auch Landbesetzungen durch Landlose auf Privatländereien in den "altbesiedelten" Regionen stark zu (Mertins 1996).

Die zunehmenden Konflikte um Land führen zu immer schärferen Spannungen, die sich regelmäßig in offener Gewalt entladen. Im letzten Jahrzehnt wurden allein in Brasilien annähernd 1000 Menschen im Kampf um Land getötet. In vielen Ländern sind dabei besonders die indigenen Gemeinschaften betroffen.

Afrika

Bevölkerungswachstum, Markteinbindung, die Einführung moderner Produktionsmethoden und Verstädterung bewirken, dass auch in Afrika Land zunehmend zur knappen Ressource wird. Koloniale und nationalstaatliche bodenpolitische Eingriffe beschleunigten den Zerfall autochthoner gemeinschaftlicher Bodenrechte. Beides zusammen verschärft die Auseinandersetzungen um den Zugang zu Land. Nebeneinander bestehende autochthone und "moderne" Strukturen, Werte und Rechtssysteme schwächen sich gegenseitig. Orientierungs- und Rechtlosigkeit breiten sich aus (Münkner 1996). Die Auflösung der autochthonen Bodenordnung bringt gerade für die Ärmsten den Verlust der sozialen Sicherung mit sich. In vielen Regionen bewirkt die geringe Produktivität auf kleinsten Flächen, dass mehr und mehr Familien kein Auskommen aus der Landbewirtschaftung mehr erzielen und versuchen, durch Migration in die Städte ihre Lebenssituation zu verbessern.

Konflikte über Bodennutzung und Zugang zu Land innerhalb von und zwischen Ländern nehmen an Zahl und Heftigkeit zu. Diese Konflikte eskalieren in manchen Regionen zu Bürgerkriegen, besonders entlang ethnischer Grenzen. In Ghana starben 1994 über 2000 Menschen durch Landkonflikte, eine Viertelmillion flüchtete. Flüchtlingsströme haben selbst neue bodenrechtliche Konflikte zur Folge und bergen die Gefahr weiterer Eskalation in sich (z. B. Ruanda, Ost-Zaire/Kongo).

Asien

Produktionszuwächse durch die "Grüne Revolution", Erfahrungen von Millionen von Migranten (hauptsächlich in den Ölländern) sowie die positive Wirtschaftsentwicklung haben bewirkt, dass seit Ende der 60er Jahre die Stagnation in zahlreichen ländlichen Gebieten Asiens überwunden werden konnte. Gleichzeitig hat sich jedoch die Betriebsgröße der Landbesitzer durch Bevölkerungsdruck und Erbteilung weiter verringert: Bereits etwa drei Viertel aller landbewirtschaftenden Haushalte Asiens verfügt nicht mehr über ausreichendes Land zur Existenzsicherung für die Familie. In Asien gibt es in einigen Ländern allerdings noch Potential für Agrarreformen im Sinne der Enteignung von Großgrundbesitzern und Umverteilung von Land.

Bei immer weiter sinkender Größe der Bodenfläche einer Familie, nimmt auch das Interesse an der Landbewirtschaftung ab. Im Laufe der Zeit werden Mechanismen zur Übertragung des Landes an die Haushalte nötig, die es wirklich bewirtschaften wollen.

In vielen Regionen kommen dem Land neue Funktionen zu. Durch die wachsende Verstädterung und Industrialisierung werden insbesondere in den sub-urbanen Räumen immer mehr landwirtschaftlich nutzbare Flächen in Besiedlungsflächen, Industrieansiedlungen, Infrastrukturprojekte und Erholungsgebiete umgewandelt. Diese Konversion von Boden ist immer wieder Ausgangspunkt für Konflikte.

Auch in asiatischen Ländern führt die durch die Überlappung verschiedener Rechtssysteme -wie nationalstaatliche Gesetzgebung und autochthone Rechte- verursachte Rechtsunsicherheit zu Konflikten (z. B. in Indonesien, Malaysia).

Abbildung 3:

Reisterrassen in Indonesien

(Quelle: U. Scholz.)

NUS-Staaten

Mit dem politischen und ökonomischen Zusammenbruch der zentral geplanten Produktion in den früheren Sowjetrepubliken vollzog sich ein tiefgreifender Umstrukturierungsprozess durch die Transformation einer Wirtschaftsordnung mit zentralistisch staatlicher Planung in eine neue Ordnung. Leitbild sind dezentrale, auf marktwirtschaftlichen Anreizen basierende Organisationsformen der Landbewirtschaftung, nicht jedoch zwangsläufig ausschließlich auf dem Privateigentum an Boden basierend (Csaki/Lerman 1996). In allen Transformationsländern hat sich bei der ländlichen Bevölkerung und den Entscheidungsträgern die Angst vor den Risiken individueller Bodenbewirtschaftung in Familienbetrieben bzw. die Aufgabe der Sicherheit des ehemaligen staatlichen Kollektivs verankert. Die Vorbehalte gegenüber den negativen Verteilungswirkungen und den sozialen Konsequenzen deregulierter Bodenmärkte sind groß. Erwartet werden eine sich verschärfende Bodenkonzentration, Bodenspekulation in großem Stil, der Ausverkauf des Landes an mächtige städtische Gruppen und kapitalstarke internationale Investoren sowie ethnische Konflikte um Land. Die erforderliche Komplexität eines reformierten Bodenrechts überfordert vielfach die mit der Transformation befasste Verwaltung und Jurisdiktion.

summary.gif (2277 Byte)english.gif (2251 Byte)gloss.gif (2270 Byte)index.gif (2215 Byte)
home.gif (3805 Byte)