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2. Globale Bedeutung der Bodenfrage, Leitbilder und
Eigentumssysteme
2.1 Wachsende Brisanz und globale Bedeutung der
Bodenfrage
2.1.2 Regionale Brennpunkte
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Überlagert werden diese sich
weltweit abzeichnenden Trends durch akute regionalspezifische Brennpunkte. |
Lateinamerika |
Die heutige Agrarstruktur und
Bodenordnung in den "altbesiedelten" Regionen Lateinamerikas sind Folge des in
der Kolonialzeit angelegten Gegensatzes zwischen Großgrundbesitz (Latifundium) auf der einen und Kleinbesitz (Minifundium) auf der anderen Seite (Thiesenhusen 1995). Ausserdem gibt es Besitzformen,
die mit dem Einsetzen der neueren Agrarkolonisation an der Wende zum 20. Jahrhundert,
verstärkt seit den 50er Jahren, vor allem in den feuchtheißen Tiefländern entstanden
sind. Punktuell ist zunehmend ein Übergang von "commercial farmers" zu moderner
Landbewirtschaftung festzustellen. Hierdurch kommt es zwar zu Produktionssteigerungen;
deren wirtschaftliche Dynamik bringt kaum eine Verbesserung der sozialen Probleme mit
sich. Trotz der Migration
in die Städte wächst der Bevölkerungsdruck in vielen ländlichen Regionen.
Verschärfend kommt die Realteilung hinzu, die sich auf Minifundien verheerend auswirkt.
Die zum Teil staatlich geförderte Migration in die noch verfügbaren Landreserven der
Dornbuschsavannen sowie des tropischen Regenwaldes kann dabei die entstehenden sozialen
Spannungen allenfalls abpuffern und verzögern. Denn neben staatlich geförderten Siedlungsprogrammen nimmt die spontane, ungesteuerte
Migration stark zu. Die illegale Besitznahme (squatting) konzentriert sich nicht nur auf
staatliche Flächen oder auf das Gemeinschaftseigentum indigener Gruppen im feuchtheissen Tiefland; seit
den 50er Jahren nehmen auch Landbesetzungen durch Landlose auf Privatländereien in den
"altbesiedelten" Regionen stark zu (Mertins
1996).
Die zunehmenden Konflikte um Land führen zu immer
schärferen Spannungen, die sich regelmäßig in offener Gewalt entladen. Im letzten
Jahrzehnt wurden allein in Brasilien annähernd 1000 Menschen im Kampf um Land getötet.
In vielen Ländern sind dabei besonders die indigenen Gemeinschaften betroffen. |
Afrika |
Bevölkerungswachstum,
Markteinbindung, die Einführung moderner Produktionsmethoden und Verstädterung bewirken,
dass auch in Afrika Land zunehmend zur knappen Ressource wird. Koloniale und
nationalstaatliche bodenpolitische Eingriffe beschleunigten den Zerfall autochthoner gemeinschaftlicher Bodenrechte. Beides
zusammen verschärft die Auseinandersetzungen um den Zugang zu Land. Nebeneinander
bestehende autochthone und "moderne" Strukturen, Werte und Rechtssysteme
schwächen sich gegenseitig. Orientierungs- und Rechtlosigkeit breiten sich aus (Münkner 1996). Die Auflösung der autochthonen Bodenordnung bringt gerade für die
Ärmsten den Verlust der sozialen Sicherung mit sich. In vielen Regionen bewirkt die
geringe Produktivität auf kleinsten Flächen, dass mehr und mehr Familien kein Auskommen
aus der Landbewirtschaftung mehr erzielen und versuchen, durch Migration
in die Städte ihre Lebenssituation zu verbessern. Konflikte über Bodennutzung und Zugang zu Land innerhalb von und zwischen
Ländern nehmen an Zahl und Heftigkeit zu. Diese Konflikte eskalieren in manchen Regionen
zu Bürgerkriegen, besonders entlang ethnischer Grenzen. In Ghana starben 1994 über 2000
Menschen durch Landkonflikte, eine Viertelmillion
flüchtete. Flüchtlingsströme haben selbst neue bodenrechtliche Konflikte zur Folge und
bergen die Gefahr weiterer Eskalation in sich (z. B. Ruanda, Ost-Zaire/Kongo). |
Asien |
Produktionszuwächse durch die
"Grüne Revolution", Erfahrungen von
Millionen von Migranten (hauptsächlich in den Ölländern) sowie die positive
Wirtschaftsentwicklung haben bewirkt, dass seit Ende der 60er Jahre die Stagnation in
zahlreichen ländlichen Gebieten Asiens überwunden werden konnte. Gleichzeitig hat sich
jedoch die Betriebsgröße der Landbesitzer durch
Bevölkerungsdruck und Erbteilung weiter verringert: Bereits etwa drei Viertel aller
landbewirtschaftenden Haushalte Asiens verfügt nicht mehr über ausreichendes Land zur
Existenzsicherung für die Familie. In Asien gibt es in einigen Ländern allerdings noch
Potential für Agrarreformen im Sinne der Enteignung von
Großgrundbesitzern und Umverteilung von Land. Bei
immer weiter sinkender Größe der Bodenfläche einer Familie, nimmt auch das Interesse an
der Landbewirtschaftung ab. Im Laufe der Zeit werden Mechanismen zur Übertragung des
Landes an die Haushalte nötig, die es wirklich bewirtschaften wollen.
In vielen Regionen kommen dem Land neue Funktionen zu. Durch
die wachsende Verstädterung und Industrialisierung werden insbesondere in den sub-urbanen
Räumen immer mehr landwirtschaftlich nutzbare Flächen in Besiedlungsflächen,
Industrieansiedlungen, Infrastrukturprojekte und Erholungsgebiete umgewandelt. Diese Konversion von Boden ist immer wieder Ausgangspunkt
für Konflikte.
Auch in asiatischen Ländern führt die durch die
Überlappung verschiedener Rechtssysteme -wie nationalstaatliche Gesetzgebung und
autochthone Rechte- verursachte Rechtsunsicherheit zu Konflikten (z. B. in Indonesien,
Malaysia). |
Abbildung 3: |
Reisterrassen in Indonesien |

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(Quelle: U. Scholz.) |
NUS-Staaten |
Mit dem politischen und ökonomischen
Zusammenbruch der zentral geplanten Produktion in den früheren Sowjetrepubliken vollzog
sich ein tiefgreifender Umstrukturierungsprozess durch die Transformation einer Wirtschaftsordnung mit
zentralistisch staatlicher Planung in eine neue Ordnung. Leitbild sind dezentrale, auf
marktwirtschaftlichen Anreizen basierende Organisationsformen der Landbewirtschaftung,
nicht jedoch zwangsläufig ausschließlich auf dem Privateigentum
an Boden basierend (Csaki/Lerman 1996). In allen Transformationsländern
hat sich bei der ländlichen Bevölkerung und den Entscheidungsträgern die Angst vor den
Risiken individueller Bodenbewirtschaftung in Familienbetrieben bzw. die Aufgabe der
Sicherheit des ehemaligen staatlichen Kollektivs verankert. Die Vorbehalte gegenüber den
negativen Verteilungswirkungen und den sozialen Konsequenzen deregulierter Bodenmärkte sind groß. Erwartet werden eine sich
verschärfende Bodenkonzentration, Bodenspekulation in großem Stil, der Ausverkauf des
Landes an mächtige städtische Gruppen und kapitalstarke internationale Investoren sowie
ethnische Konflikte um Land. Die erforderliche Komplexität eines reformierten Bodenrechts
überfordert vielfach die mit der Transformation befasste Verwaltung und Jurisdiktion. |
     
     
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