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2. Globale Bedeutung der Bodenfrage, Leitbilder und
Eigentumssysteme
2.1 Wachsende Brisanz und globale Bedeutung der
Bodenfrage
2.1.1 Globale Trends
Bodenknappheit,
Degradation und Konflikte |
Bevölkerungswachstum, die
Umwandlung von Agrarland durch Urbanisierung oder Industrialisierung und die Degradation
von Flächen lässt Boden für landwirtschaftliche Nutzung zunehmend knapp werden. Dies
gilt selbst für Gebiete, die bislang als relativ bodenreich galten. Dadurch verschärfen
sich die Konflikte zwischen verschiedenen Nutzergruppen,
z B. Ackerbauern, mobilen Tierhaltern und Forstbewirtschaftern, zwischen Autochthonen und
Zuwanderern und zwischen städtischer Wohnbevölkerung und Landbewirtschaftern. |
Behinderung der
Steigerung der Nahrungs-produktion |
Bevölkerungszuwachs und steigende
Kaufkraft verlangen die Bereitstellung von mehr und qualitativ hochwertigere
Nahrungsmitteln. Mängel in der Bodenordnung, wie zu kleine Betriebe, fehlende Anreize
wegen unsicherer Pachtverhältnisse, Rückgang der
Bodenfruchtbarkeit und mangelnde Bodenmobilität bewirken, dass die Agrarproduktion hinter
ihrem Potential zurückbleibt. Dies wird verstärkt durch mangelhafte Förderungsmaßnahmen für Kleinbetriebe und eine oftmals
noch ungünstige Preispolitik. |
Veränderte
Nutzungsmuster durch Industrialisierung und Urbanisierung |
Angesichts schnell wachsender
Städte und sektoralem Wandel mit abnehmendem landwirtschaftlichen Beitrag zu
Sozialprodukt und Beschäftigung schreitet die Umwandlung von Ackerland
(Konversion) hin zu anderen Nutzungsmustern voran.
Insgesamt werden von 1990 bis 2020 ca. 14 Mio. Hektar Land in Entwicklungsländern für
städtische Nutzungs-zwecke umgewandelt, jährlich ca. 475.000 ha. Auch wenn global dieser
Verlust an potentiellem Ackerland keine Beschränkung für zukünftiges
landwirtschaftliches Wachstum darstellt (s.u.), bestehen in Ländern wie China, in dem nur
9% der Fläche landwirtschaftlich nutzbar ist, Sorgen wegen der Landverluste durch
Infrastruktur und Urbanisierung. |

fehlende
Investitionen bei Rechtsunsicherheit |
Maßnahmen zur Erhaltung der
Bodenfruchtbarkeit wirken wie Investitionen zur Erhöhung der Bodenproduktivität, da sie
zukünftige Erträge und den Wert des Bodens als Kapitalanlage vergrössern. Wenn
Verfügungsrechte (engl. property rights) nicht festgelegt oder unsicher sind,
leben Landbewirtschafter in permanenter Ungewissheit, ob sie die Erträge ihrer
finanziellen oder ihrer Arbeitsaufwendungen auch erhalten werden. Denn sie müssen Enteignung, Vertreibung vom Land oder eine Verschlechterung der Pachtbedingungen fürchten und in ihr Planen und Handeln mit
einbeziehen. Rechtsunsicherheit stellt den größten "dis-incentive" für
produktive und zukunftsorientierte Land-nutzung dar. |
Anpassungsdruck
auf gemeinschaftliches Bodeneigentum |
Bevölkerungsdruck, staatliche
Eingriffe in die lokalen Autoritätsstrukturen, Abwanderung, zunehmende Individualisierung
von Bodenrechten und veränderte Bodennutzung, z. B. durch neue Technologien, untergraben
schrittweise autochthones gemeinschaftliches
Eigentum. Seine Umwandlung in staatliches oder Privateigentum
steht weltweit am vorläufigen Endpunkt dieses Prozesses; eine
"Re-Kommunalisierung" wird zwar vielfältig diskutiert, jedoch ist ein direktes
Anknüpfen an institutionalisierte Regelungen der Vergangenheit durch den schnellen Wandel
kaum möglich. Neue Modelle müssen ihre Leistungsfähigkeit erst noch erweisen. |
Diskriminierung
von Frauen |
Gerade bei der Transformation von
gemeinschaftlichem in privates oder staatliches Land werden Frauen meist ihrer Nutzungsansprüche und sekundären Rechte (Holz sammeln, Zugang zu Wasser)
beraubt, wodurch sie vielfach gezwungen werden, sich andere ökonomische Nischen zu
suchen. Insbesondere Haushalte, denen Frauen
alleine vorstehen, geraten schnell in eine marginale Situation. Da Geist und Text
staatlicher Gesetze oft stark von der Rechtswirklichkeit abweichen, ist es für sie zudem
schwierig bis aussichtslos, ihre Rechte in Konfliktfällen gegen männliche Interessen zu
verteidigen. |
Armut und
ungleich verteiltes Ressourceneigentum |
Die Einkommensverteilung und das
Ausmaß von Armut, nicht nur für Frauen, wird in agrarischen Gesellschaften determiniert
durch die Ausstattung mit und den Zugang zu Land, denn nur wenige Länder weisen einen
absoluten Landmangel auf (z. B. Bangladesh, Rwanda). Bodenreformen für eine gleichmässigere
Verteilung des Eigentums an Grund und Boden sind eine notwendige, aber keinesfalls
hinreichende Vorbedingung zur Überwindung des vielgestaltigen Armutsproblems. Oftmals
dürfen verliehene Eigentumsrechte nicht produktiv genutzt werden wegen staatlicher
Verbote (Beschränkung der Anbaufrüchte) oder fortgesetzter Machtausübung herrschender
Gruppen gegenüber den Armen (Großrundeigentümer gegenüber Pächtern und Squattern, Schutzgelderpressung). Fehlende komplementäre
wirtschaftliche Ressourcen (physische Infrastruktur, Agrartechnologien, Kapitalmarkt)
verstärken diese Wirkungen. |
Nicht mehr
ausreichende soziale Sicherung durch Boden |
Grund und Boden kann der
Landbevölkerung immer weniger als soziale Sicherung dienen. Hierbei wirken die ständige
Verringerung der Bodenfläche je Person mit der Tatsache zusammen, dass Nahrung und
Wohnung - die in Agrargesell-schaften als soziale Sicherung bereitgestellt wurden - heute
nicht mehr ausreichen. Vielmehr steigen Bargeldbedürfnisse ständig, die Kleinbetriebe
kaum mehr aufbringen können. |
Nachlassendes
Interesse an der Landbewirtschaftung |
Bei sinkenden Bodenflächen je
Familie geht das Interesse an der Landbewirtschaftung zurück. Insbesondere bei der
jüngeren Generation vollzieht sich ein Wandel in der Einstellung zur Landwirtschaft. Ihr
Interesse ist nicht mehr so sehr darauf ausgerichtet, die elterliche Landwirtschaft zu
übernehmen, sondern es gilt eher den ausserlandwirtschaftlichen Erwerbsmöglichkeiten. Im Laufe der
Zeit sind so Mechanismen zur Übertragung des Landes an die Haushalte nötig, die es
weiter bewirtschaften wollen. Die Differenzierung der an der Landbewirtschaftung
beteiligten in Haushalte, die sich mit ausreichender Fläche voll der Landbewirtschaftung
widmen, und solchen, denen ihre kleine Fläche nur mit Zuverdienst eine Existenzbasis
gibt, verlangt eine Neuordnung der Förderungspolitik
(KUHNEN, 1995) |
Bedarf an
Arbeitsplätzen |
Eine wachsende Zahl landloser
Menschen verlangt damit nach produktiver Beschäftigung, entweder im ruralen oder im
urbanen Bereich. Für sie sind Maßnahmen der Regionalentwicklung (z. B. Ausbildung für
nicht-landwirtschaftliche Berufe) wichtiger als die Boden- oder Agrarpolitik. Da die
Aufnahmekapazitäten des formellen industriellen und des Dienstleistungssektors jedoch eng
begrenzt sind, können Rationalisierungen in der Landwirtschaft (wie Mecha-nisierung)
prekäre Folgen haben. Informelle Sektoren bieten zwar vielen Arbeitssuchenden ein
Auskommen, jedoch nur mit geringer Rechtssicherheit. |
Überforderung
der Staaten bei
Reformen |
In vielen Entwicklungsländern
genießt die Durchführung von Agrarreformen nur eine geringe
Priorität. Die Regierungen argumentieren, dass ihre finanzielle Lage diese Reformen nicht
zulassen bzw. diese nicht ausreichend von externen Gebern unterstützt werden. Probleme
bereiten Entschädigungszahlungen bei Enteignungen im
Rahmen von Bodenreformen oder der Aufbau und die Pflege neuer Institutionen, wie z. B.
eines "Registers der Bodenrechte". Die organisatorischen Fähigkeiten der
Verwaltung werden durch mangelhafte Aus- und Weiterbildung sowie fehlende materielle
Ausstattung begrenzt (z. B. bei der Bodenbewertung oder im Grundbuchwesen),
aber auch durch interne Blockaden des Informationsflusses. Die im Parlament vertretenen
Großgrundbesitzer versuchen durch massive Interessenpolitik ihrer Enteignung
zu entgehen (vgl. Abschnitt 3.5.2.). Unzureichende,
lückenhafte neue Gesetze sind eine Konsequenz davon; sie verschärfen Überforderung und
Rechtsunsicherheit zusätzlich. Da korrumpierte Teile der Bürokratie zugleich Nutznießer
mehrdeutiger Rechtssituationen sein können, fehlt oftmals sogar der Wille zu Reformen. |
Unzulänglichkeit
der formalen Rechtsinstitutionen |
Die formalen Institutionen, welche
mit bodenrechtlichen Konflikten befasst sind, entsprechen häufig nicht rechtsstaatlichen
Kriterien. Auseinandersetzungen über Landfragen werden z. B. oft von der gleichen
Verwaltung bearbeitet, die bereits die angefochtenen Entscheidungen getroffen hat, wodurch
Vorteilsnahme und Korruption kaum kontrollierbar wird. Kenntnisse über die adäquate
Anwendung modernen Bodenrechts sind selten weit verbreitet, was gut informierten Eliten
Manipulationsmöglichkeiten öffnet. Ein Vertrauen in gerichtliche Lösungen von
Landstreitigkeiten kann auf diese Weise bei der Bevölkerung nicht entstehen. |

Mangel an
funktionsfähigen
Bodenmärkten |
Bodenmärkte, in deren Entstehung
besonders von neoliberaler Seite viel Hoffnung gesetzt wird, erfüllen die Erwartungen
nicht in dem erwarteten Maße. Dies liegt teilweise an Problemen bei der Registrierung von Titeln, teilweise an den Beschränkungen
für Landtransaktionen (Beleihungs-, Verpachtungsverbot) sowie an mangelnder Transparenz
des Bodenmarktes. Vielfach bleibt so die Leistungsfähigkeit
der Bodenmärkte bis jetzt begrenzt. |
     
     
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