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1. Bodenrecht, Bodenordnung und Entwicklung:
Problemaufriss und Einführung
1.3 Worin liegt das entwicklungspolitische Interesse an
Bodenrecht und Bodenordnung begründet?
Bodenordnung als grundlegende Rahmenbedingung für Entwicklung |
Die jeweilige Ausgestaltung der
Bodenordnung bestimmt sozio-ökonomische Entwicklungsprozesse entscheidend mit. Als Rahmen
bzw. als Antrieb für individuelles und gemeinschaftliches Handeln prägt die Bodenordnung
Ausmaß und Richtung wirtschaftlicher Entwicklung, politisches Handeln, die
Machtverhältnisse in einer Gesellschaft, Transformationsprozesse und den Umgang mit der
natürlichen Umwelt. Dies gilt insbesondere für die landwirtschaftliche und ländliche
Entwicklung, aber auch zunehmend für die Entwicklung in Stadtrandgebieten. |
Realisierung
von Entwicklungszielen |
Bodenrecht und Bodenordnung sind
vielfach jedoch so geformt, dass die Realisierung grundlegender Entwicklungsziele wie
wirtschaftliches Wachstum, soziale Gerechtigkeit, Beschäftigung, Partizipation, Unabhängigkeit und Umweltsicherung behindert
oder Zielkonflikte verschärft werden. Defizite
in der Bodenordnung, z. B. eine stark eingeschränkte Transferierbarkeit von Boden durch
Pacht- oder Verkaufsverbote, be- oder verhindern
- Aktivitäten zur Steigerung der landwirtschaftlichen
Produktion und Produktivität (sektoraler Ansatz) bzw.
- Aktivitäten zur Verbesserung der Lebensverhältnisse in
ländlichen Gebieten (regionaler Ansatz).
Zwischen beiden bestehen starke Interdependenzen. Durch
zunehmende Urbanisierung und sektoralen Wandel erhalten
Entwicklungsprozesse im städtischen Kontext und im sub-urbanen Raum
wachsende Bedeutung.
Auf die vielfach konfliktgeladenen wechselseitigen
Beziehungen zwischen der Ausformung der Bodenordnung und der Erreichung von
Entwicklungszielen werfen folgende Zusammenhänge ein erstes Schlaglicht: |
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Bodenordnung und
Wirtschaftswachstum |
Bodenkonzentration und Fehlallokation knapper Ressourcen |
Die Konzentration der fruchtbarsten
Böden in Grossgrundbesitz, z. B. in Lateinamerika, führt zu einer suboptimalen
Kombination der Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital. Individuelle Notlagen
zwingen Kleinbauern oftmals zur Intensivierung ihrer Landbewirtschaftung und zur hohen
Wertschätzung des Gegenwartskonsums zu Lasten langfristiger Investitionen, während
Großbetriebe ihre weiten fruchtbaren Ländereien in der Vergangenheit sehr extensiv
nutzen oder brachliegen liessen. Deren Intensivierungs- und Wachstumspotentiale wurden
dabei nur unzureichend realisiert. Wirtschaftliche Liberalisierung, Exportorientierung und
neue Wirtschaftsunionen (z. B. NAFTA)
bewirken hier jedoch einen schnellen Wandel. |
Neue dynamische
Mittelbetriebe |
Diese bimodale Landverteilung wird
nur langsam durch eine wachsende Gruppe dynamischer, produktiver und marktintegrierter
mittelgroßer Betriebe aufgebrochen. Dabei zeigen Beispiele wie Chile, dass Agrarreformen wesentlich zum Entstehen dieser Unternehmensformen
beigetragen haben. |
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Bodenordnung, Armutsbekämpfung
und Umweltsicherung |
Landverteilung
hat starken Armuts- und Umweltbezug |
Kleinbauern zerstören häufig
durch eine nicht angepasste Bewirtschaftung naturräumlich ungünstiger Flächen das
ökologische Gleichgewicht, wie z. B. in Hanglagen mit hoher Erosions-gefahr. In ihrem
täglichen Überlebenskampf bleibt ihnen häufig keine andere Wahl, als ihre knappen
Ressourcen zu übernutzen. Umweltprobleme liessen sich in vielen Regionen damit, ebenso
wie Armut, auch durch Umverteilung von (Land-)
Ressourcen vermindern. Andererseits tragen auch Großbetriebe durch Monokulturanbau und
übermäßigen Biozideinsatz zur Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts bei. |

fehlende
Anreize und Planungs-unsicherheit |
Sind Rechte am Boden zudem unsicher
und werden fortdauernd infragegestellt, verhindert dieses Ressourcenschutzmaßnahmen. Denn
Landbewirtschafter werden nur dann langfristig in den Erhalt ihrer natürlichen
Ressourcengrundlagen investieren, wenn sie sicher sein können, dass ihnen auch in Zukunft
die Erträge dieser Investitionen zugute kommen. |
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Bodenordnung und Beschäftigung |
Zugang zu Land
und Recht auf Arbeit |
Trotz des rasanten Strukturwandels
auch in Agrargesell-schaften muss weitaus mehr als bisher erkannt und diskutiert werden,
dass der Zugang zu Boden und das Recht auf Arbeit unlösbar miteinander verbunden sind.
Dies gilt für die Mehrheit der afrikanischen, aber auch für asiatische und für
Transformationsländer, in denen die Landwirtschaft noch einen hohen
Beschäftigungsbeitrag erbringt. |
Mehrfachbe-schäftigung |
Andererseits kann kaum weiterhin
ignoriert werden, dass z. B. in Asien etwa drei Viertel der ländlichen Haushalte nicht
mehr über ausreichend Boden zur Existenzsicherung verfügen und Mehrfachbeschäftigung sowie
ausserlandwirtschaftliche Beschäftigung
und Einkommen an Bedeutung gewinnen. Weniger der Zugang zu Land als der Zugang zu
diversifizierten Beschäftigungsmöglichkeiten - mit Landbewirtschaftung als nur einer von
mehreren Alternativen -, stellt neue Herausforderungen für den Wandel der Bodenordnung
dar und erfordert eine Neubestimmung der Funktionen von Boden. |
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Bodenordnung, soziale Konflikte
und politische Instabilität |
gewalttätige
Auseinandersetzungen |
Wenn Auseinandersetzungen über den
Zugang zu Land und dessen Nutzung in offene Gewalt umschlagen, erfolgt dies zumeist zur
konsequenten, unnachgiebigen Durchsetzung des bestehenden Rechtsrahmens. Damit werden aber
auch Defizite der Bodenordnung und Bodenpolitik offenkundig, die neben Rechtssicherheit und effizienter Bewirtschaftung auch
sozialen Ausgleich sowie die Eindämmung bzw. Schlichtung
tiefgreifender Konflikten ermöglichen muss. In einigen Ländern Afrikas, Lateinamerikas
und Asiens stehen diese Landkonflikte im Zentrum
bürgerkriegsähnlicher Zustände. Während z. B. in Afrika und im Nahen Osten gewaltsame
Auseinandersetzungen zwischen Tierhaltern und Ackerbauern unmittelbar um den Zugang zu
Land und Wasser stattfinden, werden derartige Konflikte in Lateinamerika primär zwischen
Landlosen und Großgrundbesitzern sowie zwischen Landlosen und Indianergemeinschaften
ausgetragen. |
Politische
Stabilität |
Die Eindämmung von Gewalt ist ein
eigenes Ziel gesellschaftlicher Entwicklung. Dabei darf nicht aus den Augen verloren
werden, dass schwelende Konflikte und der Verlust der politischen Stabilität auch dem
Investitionsklima schaden. Die Aufstände in Chiapas/Mexiko, die von einem Tag auf den
anderen das oberflächliche Bild eines neuen "Tigers" in Lateinamerika
zerstörten, zeigten der Öffentlichkeit und potentiellen Investoren, wie kurzsichtig es
ist, durch die Duldung sozio-ökonomischer Marginalisierung und stockende Agrarreformen,
industrielle Entwicklungsstrategien zu gefährden. |
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Bodenordnung, Machtkonzentration
und Partizipation |
Die Bodenfrage
ist auch eine Machtfrage |
Die Entfaltung der Marktkräfte
durch wirtschaftliche Liberalisierung, Globalisierung, neue Regionalisierung (EU, NAFTA, APEC) und ordnungspolitische Reformen hat noch einmal die
historische Erfahrung in das öffentliche Bewusstsein gerückt, dass Bodenfragen immer
auch Machtfragen sind. Wirtschaftliche und
politische Macht ermöglichen die Konzentration von Boden und verschärfen in der Folge
die Machtkonzentration bei wenigen sowie die Marginalisierung breiter
Bevölkerungsschichten, wie die Geschichte gescheiterter Agrarreformen
in Lateinamerika bereits zeigt. |
Landerwerb und
Machtzuwachs von Eliten und Verwaltung |
Marktgerechte Bodenreformen, die Restitution
enteigneten Landes und neu entstehende Bodenmärkte zeigen gegenwärtig in vielen
Ländern, dass ländliche und städtische Eliten sowie eine korrumpierbare Verwaltung ihre
Macht und ihren Informationsvorsprung über neue Gesetze und Vorschriften gekonnt nutzen,
um sich Land in großem Stil anzueignen und ihre starke Machtposition auszubauen.
Städtische und ländliche Arme, insbesondere auch Frauen, partizipieren kaum an diesem
Prozess des Wandels und bleiben marginalisiert. |
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Bodenordnung, Reformen und
Transformation |
Neugestaltung
der Bodenordnung |
Durch Strukturanpassung,
marktwirtschaftliche Reformen und Transformation rücken ordnungspolitische Zielsetzungen
(wieder) in das Zentrum des entwicklungspolitischen Diskurses. Agrarreformen,
insbesondere der Neugestaltung der Bodenordnung, kommen zentrale Funktionen zu. Hauptziel
von Agrarreformen ist es dabei, eine unabhängige, marktorientierte Organisation der
Landbewirtschaftung zu gewährleisten, sei sie kollektiv, z. B. als autonome Genossenschaft, als Familienbetrieb oder als privater Mittel-
und Großbetrieb mit Lohnarbeit. |
Privateigentum oder "Kollektiveigentum"
an Boden |
Elementare Erfolgsbedingung
hierfür ist die Klärung des Eigentumsbegriffes und die Identifizierung des angestrebten
Leitbildes: Während Privateigentum mit der deutschen Wiedervereinigung zum Leitbild für
Produktivitätssteigerungen und Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft erklärt wurde,
verfolgen viele Nachfolgestaaten der GUS und in Osteuropa diese Ziele innerhalb
unterschiedlicher Eigentumssysteme an Boden (Privateigentum, "Kollektiveigentum", Staatseigentum).
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Bodenordnung, Urbanisierung und
informelle Stadtrandentwicklung |
Urbanisierung,
Megastädte und Herausforderungen an städtische Bodenordnung |
Weltweit wird im nächsten
Jahrtausend die Mehrheit der Menschen bereits in Städten leben, die Zahl der Megastädte
mit mehr als 10 Mio. Einwohnern wächst auf 25, wovon 19 in Entwicklungsländern liegen
(WBGU 1993). Dieser rapide Urbanisierungsprozess stellt
Institutionen der städtischen Bodenordnung, wie effizientes Grundbuchwesen
oder stadtplanerische Aktivitäten, vor enorme Herausforderungen und erfordert innovative,
zukunftsweisende Konzepte. |
Informelle Besiedlung im sub-urbanen Bereich |
Im sub-urbanen Raum wächst die
Zahl informeller, teils illegaler Siedlungen und Arbeitsstätten. Unsichere Rechte an
Baugrundstücken behindern Investitionsentscheidungen und Arbeitsplatzaufbau, fördern Bodenspekulation und beschwören neue Konflikte um
Eigentums- und Nutzungsrechte herauf. |
Bodenordnung
und Umweltschutz |
Städtisches Wachstum schafft
vielfältige massive Umwelt- und Entsorgungsprobleme auf engstem Raum. Eine eindeutige
Zurechenbarkeit von Grund und Boden auf Eigentümer und Nutzer durch Instrumente der
städtischen Bodenordnung ist damit eine elementare Vorbedingung, um Verursacher von
Emissionen zu identifizieren, Kostenzurechnungen vorzunehmen und Umlageverfahren zur
Verminderung der Umweltbelastung zu entwickeln. |
     
     
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