Guiding Principles:
Land Tenure in Development Cooperation

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Orientierungsrahmen:
Bodenrecht und Bodenordnung

Deutsche Gesellschaft
für Technische Zusammenarbeit
Abt. 45 / Div. 45

 

Dirk Effler (1996): Bodenrecht, Bodenordnung und Landnutzungsplanung
im Kontext der ländlichen Entwicklung in der Manica-Provinz, Mosambik

2.1.3 Informelles Bodenrecht

Als informelle Bodenrechtssysteme gelten im Kontext dieser Studie - wie auch in weiteren Arbeiten zu diesem Thema in Mosambik - alle das Land, dessen Nutzung, Verwaltung und Zugang betreffenden Rechts- und Ordnungssysteme, die nicht durch die legalen Vorgaben des Staates, die formellen Systeme, geregelt sind und parallel zu diesen wirksam sind. Dazu zählen z.B. traditionelle, historisch gewachsene autochthone Gewohnheitsrechte und lokale Regeln einzelner Gemeinschaften. Den informellen Systemen ist gemeinsam, daß sie in einer mehr oder weniger abgegrenzten Region über den Zugang zu Land für bestimmte Nutzergruppen entscheiden.

In Mosambik wurden zum informellen Bodenrecht zahlreiche Untersuchungen [FN 58] unterschiedlichster Maßstabsebenen und Detaillierungsgrade durchgeführt. Die Mehrzahl dieser Studien hatte zum Ziel, das Verständnis des informellen Sektors zu verbessern und politischen Entscheidungsträgern Informationen für die Berücksichtigung und Einbindung informeller Rechtssysteme in die Landverwaltung an die Hand zu geben. Fallstudien aus verschiedenen Regionen Mosambiks [FN 59] zeigen eine große Heterogenität lokaler Systeme, aber auch eine Reihe von Gemeinsamkeiten, die zum Verständnis der nationalen Bedeutung informeller Systeme von Bodenrecht und Bodenordnung beitragen können.

Die traditionellen informellen Systeme in ihrer heutigen Form sind die letzte Entwicklungsstufe des ursprünglichen autochthon gewachsenen Bodenrechts. Ihre Ordnung basiert oftmals auf sozialen Gruppen wie Familien, Klans oder Stämmen, die nicht selten ihre Verfügungsgewalt über das Land durch Eroberung oder Besetzung, aber auch durch Allokation durch die Kolonialverwaltung erlangt hatten. Der Führer der jeweiligen Gruppe war - unter unterschiedlich geregelter Beteiligung von einzelnen Mitgliedern oder der gesamten Gruppe - verantwortlich für die Verwaltung und Zuteilung des Landes und der Ressourcen. Den meisten traditionellen Bodenrechtssystemen ist gemeinsam, daß das Land selbst grundsätzlich nicht veräußert werden kann. Trotzdem sind Rechte über die Nutzung von Land und Ressourcen in der Regel permanenter Art. Sie können an Mitglieder der Gruppe oder an Außenstehende vergeben werden. Die weitere Verteilung von Nutzungsrechten (z.B. innerhalb von Familien), obliegt den Inhabern bzw. Verwaltern der jeweiligen Rechte (z.B. dem Familienoberhaupt).

Auf der Ebene der comunidade [FN 60] sind in den meisten traditionellen Systemen die Land-, Nutzungs- und Zugangsrechte für alle Mitglieder der Gemeinschaft gleich gestaltet. Unterschiede bestehen vielfach nur in der Größe und der natürlichen Ausstattung des zugeteilten Landes. Innerhalb der jeweils kleinsten Landrechte innehabenden Gruppe, meist der Großfamilie oder Familie, können die individuellen Rechte der einzelnen Mitglieder erhebliche Qualitäts- und Quantitätsunterschiede aufweisen. Diese Rechte sind stärker an die Familienstruktur und die Persönlichkeit der Familienoberhäupter als an die Sozialstruktur der gesamten comunidade gebunden.

Die traditionellen informellen Rechtssysteme waren im Verlauf der Geschichte verschiedenen einschneidenden Veränderungen unterworfen, die einen erheblichen Einfluß auf die heutige Situation in vielen Gebieten hatten. Die portugiesische Kolonialverwaltung machte sich die traditionellen Führer zunutze, indem sie diese offiziell in die staatliche Verwaltung einbezog und für ihre Dienste entlohnte. Auf diese Art wurden die Grenzen zwischen informellem traditionellen und formellem portugiesischen Bodenrecht mehr und mehr verwischt. Neue Produktionsformen (z.B. Cash-Crop Anbau) und neue Abhängigkeiten (z.B. Einführung von Steuern und Zwangsarbeit) wurden von den Portugiesen eingeführt und in die traditionellen Strukturen integriert. Auf demselben Land wirkten (somit teilformalisiertes) informelles und formelles Bodenrecht nebeneinander und mit unterschiedlicher Gültigkeit für unterschiedliche Gruppen.

Nach der Unabhängigkeit wurden in den meisten Gebieten, insbesondere in denen mit hohem landwirtschaftlichem Potential, die traditionellen Führer unter dem Vorwurf der Kollaboration mit den Portugiesen ihrer Macht enthoben und teilweise verfolgt oder vertrieben. Wo immer es die Kapazitäten der neuen Regierung erlaubten, wurden Vertreter der FRELIMO als unterste staatliche Verwaltunginstanzen eingesetzt und mit vergleichbaren Aufgaben der Landverwaltung betraut. Die Zuständigkeit dieser Parteifunktionäre [FN 61] war im wesentlichen auf die Landverwaltung im Bereich des Familiensektors beschränkt, sie hatten aber auch beratende Funktionen bei der Vergabe von Landnutzungstiteln an kommerzielle Interessenten nach dem formellen Bodenrecht inne. Sie waren gemäß ihrer Aufgaben offiziell Teil des formellen Bodenrechtssystems, übten diese aber in Abhängigkeit ihrer eigenen Herkunft und ihres sozialen Umfelds im Sinne traditioneller Mechanismen aus. Vielfach übernahmen auch Familienmitglieder traditioneller Führer z.B. die Funktion eines secretário da aldeia.

Wie bei Myers et al. (1993) dargestellt, gab es große regionale und lokale Unterschiede der Bedeutung, Funktionsweise und Interaktion zwischen formellen und informellen Systemen und deren Autoritäten. Diese reichen von der Bewahrung der Position mächtiger traditioneller Führer über die Ausübung formeller Positionen durch traditionelle Autoritäten, die Unterordnung lokaler Regierungsvertreter unter die traditionelle Führung bis hin zur konstruktiven Zusammenarbeit der Vertreter beider Systeme.

Wie weiter unten diskutiert, plant die mosambikanische Regierung, die Gewohnheitsrechte des Familiensektors und die Rollen der traditionellen Autoritäten zu untersuchen und formell anzuerkennen, um diesen den gleichen rechtlichen Status und die gleiche Rechtssicherheit wie den bisher gesetzlich festgelegten Rechten und Strukturen zu garantieren.